Führungskräfte führen. Eine Binsenweisheit.

Denn was sollen sie sonst tun? Natürlich führen. Das tun die meisten aber nicht. Weil ihnen die Zeit dazu fehlt? Nein. Aber ist Führen nicht zeitintensiv? Nur wenn man kommunikativ danebengreift. Wie das? Weil man den Geführten nicht erreicht. Und wie kann man ihn erreichen? Wenn man ihn mit den Augen hört und mit den Ohren sieht. Das liest sich zunächst wie eine Verwechselung der Substantive. Es ist aber gemeint, wie es da steht.

Jeder Mensch braucht jemanden, der ihn bewundert. Anerkennung ist nicht genug. Wertschätzung hat sich inflationiert. Unser heute weit verbreitetes Leadership-Denken geht schon recht weit. Aber bei weitem nicht weit genug. Es ist zu sehr von methodischem Denken eingeengt. Deshalb kommen wir damit auch nicht weit. Nicht bei den Geführten, die damit erreicht werden sollen.

 

Andreas Köhler schreibt einen Fachbeitrag zur Menschenführung wie er in die Zeit passt, der aber gleichzeitig das Kernproblem heutigen Führungsverständnisses aufzeigt:

 

Zitiert aus: https://www.personalpsychologie-nrw.de/wissen-menschenf%C3%BChrung-mitarbeiterf%C3%BChrung-leadership/

 

„Menschenführung (Leadership) umfasst alle Maßnahmen von Führungskräften, die motivierend, steuernd und richtungsweisend auf die Motivation, Kooperation, Koordination und Kommunikation von Menschen in Organisationen einwirken. Menschenführung motiviert Mitarbeiter für gesetzte Ziele und nimmt sie auf den Weg der Erfüllung der Ziele mit. Menschenführung wirkt sich im Positiven wie im Negativen auch auf das Arbeits- und Betriebsklima – und damit auf die Produktivität und Effizienz des gesamten Unternehmens aus. Unternehmen werden ausschließlich von Menschen betrieben. Die Mitarbeiter eines Unternehmens sind bekanntlich der wichtigste Faktor für Funktion, Leistungsfähigkeit und Erfolg eines jeden Unternehmens.“

 

Das sagt alles, nur nicht das Wesentliche. Denn – Köhler weiter:

 

„Ohne kompetentes, zuverlässiges, motiviertes, loyales und sozialkompetentes Personal in Bezug auf Mitarbeiter und Führungskräfte kann selbst die beste Organisation und Strategie nichts bewirken.“

 

Stimmt. Das Gewollte ist richtig. Aber wie man dahin kommt, muss von Grund auf neu angegangen werden. Wir denken in methodischen Grenzen. Dabei wäre es befreiender in Möglichkeiten zu denken. Und die gehen über Methoden weit hinaus. Und sparen Zeit. Wir sehen im anderen zu viel von dem, was wir sehen wollen. Das hindert uns darin, zu sehen was ist.

 

Mit den Augen hören und den Ohren sehen geht rein anatomisch natürlich nicht. Aber sensitiv. Indem wir uns ganz auf die Begegnung mit anderen einstellen. Ohne Ablenkung. Das nicht zu tun, kostet beim Führen unnötig viel Zeit. Dazu als Beispiel: Wie begegnen sich die meisten, nachdem sie „Guten Tag“ gesagt haben? Mit einer Frage, die eigentlich eine Floskel ist: „Wie geht’s?“. Danach geben wir uns mit einem nichtssagenden „Gut.“ zufrieden. Hat das was gebracht? Nein.

 

Gut fragen zu können, war schon ein Grundanliegen der alten Philosophen. Gutes Fragen ist aber nicht das Anwenden von „Fragetechnik“, wie es heute vielfach vermittelt wird. Statt „Guten Tag“ zu sagen, gibt es eine sehr begegnungsintensive Formulierung in der südafrikanischen Volksgruppe Zulu. Die dort verwendete Sprache isiZulu kennt zur Begrüßung das Wort „Sawubona“. Das heißt übersetzt:Ich sehe dich. Du bist mir wichtig. Ich schätze dich.“Es bei uns auszusprechen, läuft Gefahr, dass auch das schnell zur Floskel wird. Sich dessen bewusst zu machen, den anderen zu sehen, ihn für mich wichtig zu machen und ihn zu schätzen, hat eine unglaubliche Wirkung. Denn um den anderen wirklich zu sehen, muss man von ihm so viel wie möglich erfassen. Nur dann kann der andere einem wichtig sein und geschätzt werden.

 

„Sawubona“ heißt, sich auf den anderen einzustellen, sich auf ihn einzulassen, ihn ganzheitlich mitzubekommen. Es geht um die eine uns aufschließende Einstellung zum anderen. Welche unserer Sinnesorgane dabei wie in Aktion treten, ist total unwichtig. Denn wir sollten in dem Moment beim anderen sein, nicht bei uns selbst.

 

Menschen streben nach Selbstverwirklichung, wollen bewundert werden. Bewundern verlangt höchste Aufmerksamkeit für den anderen. Führende können sich am besten mit der Unterstützung der Leistungsentwicklung der Geführten selbstverwirklichen. Wenn wir Führen als bewundern der Geführten begreifen, bewirken wir das, was Andreas Köhler korrekt als Ergebnis des Führens aufgezählt hat: „kompetentes, zuverlässiges, motiviertes, loyales und sozialkompetentes Personal.“

 

Mit wenig lässt sich manchmal mehr erreichen als mit viel. Man muss die Dinge so tief sehen, dass sie einfach werden.